Gastbeitrag von Oliver Heuler – Mein Rezept zur Rettung des Golfsports

Wer als mittelbegabter Mittfünfziger mit dem Golfspielen beginnt, erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Kurze Phasen extremer Lust wechseln mit langen Phasen des Frusts. Das ist die einfache Erklärung für das zu geringe Wachstum im Golfsport. Wären die Phasen der Lust länger und die des Frusts kürzer, spielten Zeit- und Geldaufwand eine geringere Rolle.

Was könnten wir also tun?

Ich lasse Anfänger — anders als die meisten Kollegen — nicht mit einem Eisen 7 vom Boden beginnen, sondern mit einem halben Sand-Wedge vom Tee. Da ist die Erfolgsquote deutlich höher. Erst wenn die Trefferquote über 50 Prozent steigt, erhöhe ich die Schwierigkeit: zum Beispiel durch längeres Ausholen, längere Schläger und irgendwann durch Weglassen des Tees. Aus anderen Sportarten weiß ich: Bei einer Trefferquote von 50 Prozent lernt das Gehirn am besten. Liegt sie höher, ist die Aufgabe nicht fordernd genug und es droht Langeweile; ist sie niedriger, droht Überforderung und Frustration.

Wenn Sie sich daran halten, üben Sie konservativer als 95 Prozent aller Golfer. Stellen Sie sich hinter den durchschnittlichen Anfänger auf der Range und Sie werden sehen: Dessen durchschnittliche Erfolgsquote liegt näher bei zehn als bei 50 Prozent. Er überfordert sich permanent und lernt viel langsamer als er könnte.

Das größte Problem, die Anfänger davon zu überzeugen, weiter im 50 Prozent-Bereich zu üben, besteht darin, dass alle mit dem gleichen Argument kommen: »Auf dem Platz kann ich auch nicht jeden Ball aufteen!« Und das würde ich gerne ändern. Die Tatsache, dass wir am Abschlag aufteen dürfen, haben unsere Vorfahren willkürlich festgelegt. Warum erlauben wir das Tee nicht grundsätzlich und verlangen dafür einen Preis?

Die Regel könnte zum Beispiel lauten, dass der Gebrauch des Tees auf kurz gemähten Flächen zehn Schläge auf 18 Löcher kostet. Davon würde kein mittlerer oder niedriger Handicapper Gebrauch machen, denn die zehn Schläge kann er mit einem Tee nie rausholen. Für den Anfänger beträgt der Vorteil sicher 15 Schläge und mehr. Die Tee-Regel würde die Schwierigkeitskurve unseres Sportes abflachen. Anfänger hätten es leichter, für Fortgeschrittene änderte sich nichts. Irgendwann kommt der Anfänger in einen Bereich, in dem er merkt, dass sich das Tee nicht mehr rechnet und dann lässt er es weg.

Ich weiß: Der erste Gedanke ist »nie und nimmer stimmt St.Andrews so einer Regel zu«. Und deshalb habe ich als erstes dem DGV geschrieben. Die überraschende Antwort: Dort besteht eine prinzipielle Offenheit. Der DGV wird jedoch erst tätig, wenn die Idee in breiterem Kreise diskutiert, geprobt und positiv bewertet wird — und zwar nicht nur unter Trainern, sondern auch von Clubverantwortlichen.

Zitat: »Unsere Erfahrung ist, dass Initiativen gerade bei den Clubverantwortlichen ›aus sich heraus‹ wirklich gewollt werden müssen, damit sie Erfolg haben. Auch eine ›Empfehlung von oben‹ hilft in der Regel nicht wirklich weiter, wenn eine Idee nicht per se bundesweit und damit breit auf fruchtbaren Boden fällt.«

Aus Trainerkreisen habe ich nicht eine negative Reaktion bekommen. Mich würde es auch wundern, wenn die Clubs sich verwehrten, denn die Tee-Regel erhöht die Chance, dass Anfänger mehr Spaß haben und Mitglieder werden.

Ein dritter Vorteil: Diese Regel schont die Fairways und weniger Divots erfreuen auch die Golfer mit niedrigen Vorgaben. Vorteil Nummer vier: Die Anfänger machen weniger Schläge und spielen schneller. Das Addieren der zehn Schläge nach der Runde kostet auch schlechte Kopfrechner selten mehr als eine Sekunde.

Sicher könnte jeder Anfänger in Trainingsrunden heute schon aufteen, aber ich konnte davon nur wenige überzeugen, weil jeder das Gefühl
hat, zu schummeln. Unbewusst schleichen sich Gedanken ein wie: »Wenn einer vom Nachbarfairway sieht, wie ich auf dem Fairway aufteee, ist mir das unangenehm.« Diese Sorge entfiele mit der Tee-Regel.

Also meine Bitte: Diskutieren Sie meine Idee mit Ihren Golfspezis, mit Ihrem Spielführer oder Präsidenten und beweisen Sie Mitgefühl mit
allen Zeitgenossen, die im Umgang mit Holz und Eisen noch nicht Ihre Virtuosität erreicht haben.

4 Kommentare

  1. Diese Idee ist einfach großartig. Applaus an Oliver Heuler.
    Ich selbst habe vor kurzem erst begonnen, und die vielen Bodenhacker am Anfang hat wohl jeder Anfänger. Im Dezember spielte ich auf Einladung eines Freundes auf einem schweren Platz, dort galt als Winterregel sogar Aufteepflicht auf dem Fairway. Mir hat es das Spielen auf einem sehr langen Platz mit vielen Schlägen sehr erleichtert. Da der Platz dabei geschont wird ist ein angenehmer Nebeneffekt, dem sich eigentlich kein Platzbetreiber verschließen dürfte. Das mit den Zusatzpunkten ist ebenfalls in Ordnung, da je nach Trainingsintensität sich der fortgeschrittene Anfänger sich bereits nach wenigen Monaten von diesen Spielvorteil (und Ergebnisnachteil) verabschieden dürfte. Ein erleichterter Einstieg für das echte Spielen auf dem Platz, und nicht nur dem stundenlangen Mattenschlagen auf der Driving range, ist es allemal. Jeder der sich an seine Anfangszeit zurückerinnert, würde diese Erleichterung sehr befürworten. Auch für Wiedereinsteiger die aufgrund des mäßigen Erfolgs am Anfang aufgehört haben, wäre diese Regel begrüßenswert.

  2. Hallo liebes Redaktionsteam, hallo Herr Heuler,

    könnten Sie kurz eine Quelle angeben, mit der Sie diesen Stelle belegen können? Ich finde diese Aussage hochinteressant!
    „Aus anderen Sportarten weiß ich: Bei einer Trefferquote von 50 Prozent lernt das Gehirn am besten. Liegt sie höher, ist die Aufgabe nicht fordernd genug und es droht Langeweile; ist sie niedriger, droht Überforderung und Frustration.“

    LG Paul Oster

  3. Ich habe das glaube ich in einem Pelz-Report gelesen, den ich nicht mehr besitze und wenn ich mich richtig erinnere auch in der oberen Hälfte des Motorrads. Ein rundum tolles Buch. Spiegel heißt der Autor, wenn ich das richtig im Kopf habe.

  4. Die Idee ist einfach genial und würde diesem wunderbaren Sport zu mehr Aktiven verhelfen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie frustrierend die ersten Schläge sind, wie zäh und niederschmetternd die ersten Monate und manchmal sogar Jahre sind, wenn man nicht wöchentlich spielen und trainieren kann, um die nötigen Erfolge und Entwicklungen zu haben. Ebenso frustrierend finde ich, dass es nur die Möglichkeit über Turniere gibt, sein Handicap zu verbessern. Ich habe leider weder die Zeit und auch oft nicht die Lust, mich stundenlang auf der Golfanlage aufzuhalten, um nach dem Turnier festzustellen, dass mein Handicap sich wieder nur um „sagenhafte“ 2 Punkte verbessert hat. Um in den Genuss von Handicap 36 zu kommen, welches leider sehr viele Golfanlagen fordern, um als Gastspieler dort spielen zu dürfen, müsste ich folglich sehr viele Turniere spielen. Zumindest bei meinem „Können“.
    Sport soll Spaß machen und Freude vermitteln. Alles andere führt dazu, dass man sich früher oder später wieder abwendet.

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